
Schon so lange überlege ich, dir zu schreiben, mich dir zu widmen. Denn mir wird immer mehr bewusst, wie sehr ich dich brauche. Viel bedeutet hast du mir schon immer. Du warst in vielen Phasen meines Lebens das wichtigste und einzige, worum meine Gedanken kreisten und ich verspreche dir, das wird auch in Zukunft so bleiben...nur eben auf eine andere Art. Eigentlich sollte ich dir einen Liebesbrief schreiben und dich mit Komplimenten überschütten, aber die vergangenen Jahre zu romatisieren wäre nicht richtig und ich glaube, wir sind auch einfach noch nicht so weit. Ja, ich habe Gefühle für dich entwickelt, die ich früher noch nicht kannte, die mich mit Neugier und Freude füllen, aber das ist erst der Anfang... wenn auch von etwas ganz großem. Andere würden jetzt wahrscheinlich beginnen mit: "Ich weiß, wir hatten es nicht immer leicht.." aber das kann ich nicht schreiben, denn wir hatten es nie leicht. Zumindest nicht in der Zeit, an die ich mich detailliert zurückerinnern kann. Das sind so ca. die letzten 10 Jahre. Alles davor würde ich zu meiner glücklichen Kindheit zählen, für die ich sehr dankbar bin. Doch nun zu dir. Es gibt so vieles, was ich dir sagen möchte. So viele Erinnerungen, Momente, Handlungen, zu denen ich gerne einfach zurückspulen würde und etwas anders machen. Dir helfen, dich unterstützen, für dich kämpfen. Aber ich kann es leider nicht und das ist okay. Nichts passiert ohne Grund und selbst wenn es nur ist, um daraus stärker zu werden. Viele Dinge die ich liebte waren für dich reine Tortur, das verstehe ich jetzt. Nicht, weil du es nicht konntest oder irgendwas an dir falsch war, sondern wegen den Menschen, die dich zur Zielscheibe machten. Und ich glaube wirklich, dass am Anfang weder du noch ich schuld waren, wie sich alles entwickelte. Es war unser Umfeld: Urteile und Meinungen, nach denen niemand gefragt hat, noch lange bevor wir uns überhaupt selbst eine Meinung bilden konnten. Ganz egal, ob bei Familienfeiern, in der Schule, beim Arzt, im Faschingsverein oder zu Hause, du wurdest viel zu oft zum Thema, ob bewusst oder unbewusst, ausgesprochen oder nur gedacht, ohne dass ich verstand warum. Aber zum Glück bringt das Leben einem nicht nur Erfahrungen, sondern auch Erkenntnisse, deswegen werde ich die Dinge jetzt einfach beim Namen nennen, die uns so lange belastet haben. Es ist nicht schlimm, wenn man nicht in die abgelegten Klamotten seiner Cousine passt. Oder in irgendwelche Kostüme oder Kleider. Es ist auch kein Aufwand oder Umstand, ein etwas größeres zu nähen. Es ist auch nicht schlimm bestimmte Übungen nicht zu können oder kein Taktgefühl zu haben oder gut ins Bild zu passen. Wichtig ist, dass man das tut, was einem Spaß macht. Es ist nicht schlimm, mit 12 Jahren mehr zu wiegen als eine 15-Jährige, die man damals für sehr sehr cool hielt. Es ist auch nicht schlimm, von seinen Großeltern wieder zu kommen und dickere Fressbacken zu haben, oder einen dickeren Bauch genauso wie es nicht schlimm ist ab und zu nicht mehr in Klamotten zu passen und Zucker in seinen Kaffee zu tun. Was wirklich schlimm ist, ist dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft ihr Entscheidungen in Oberflächlichkeiten begründen. Mit Verurteilungen und Vorurteilen dafür sorgen, dass es anderen schlecht geht, nur damit sie sich ein kleines bisschen besser fühlen. Niemand will der Außenseiter oder das Opfer sein, weshalb ich verstehen kann, dass einige versuchten, mich zu beschützen, obwohl sie damit alles nur schlimmer machten. Ich möchte mich entschuldigen und es tut mir leid, dass ich mich jemals für dich geschämt habe. Dass ich dich versteckt und verleugnet habe, dich weder in Spiegeln noch auf Fotos ertragen konnte. Dass ich dachte, Leute könnten mich wegen dir nicht mögen, wobei ich es sein sollte, die sie nicht mag, wenn sie so denken. Am allermeisten möchte ich mich aber für die Torturen entschuldigen, die dich oft an deine Grenzen brachten. Ich hatte verstanden, dass sich etwas verändern muss, das war gut. Ich habe mich informiert und mir einen Plan gemacht, das war gut. Ich habe mut bewiesen, und angefangen, alles in die Tat umzusetzen, das war gut. Aber ich habe es übertrieben und mich zu sehr darauf versteift und mich hineingesteigert, das war schlecht. Ich habe die Symptome statt der Ursachen bekämpft, das war schlecht. Und ich habe dir geschadet, dich gehasst, verflucht und nicht auf dich gehört, das war schlecht.... während du einfach immer nur großartig warst. Du hast mich aufgefangen, mir Kraft gegeben, so viele wunderbare Dinge passieren lassen, mich am leben gehalten. Du hast mich aufs Siegertreppchen gebracht und ich war so verdammt stolz. Aber Menschen sind grausam und gönnen es einem nicht und als ich hörte, dass jemand meinte, er würde sich schämen neben mir auf dem Podest zu stehen, begann alles von vorne und ich brach zusammen. So ist das, wenn man in einem Wertesystem lebt, in welchem nur nach dünn oder dick, hübsch oder hässlich, reich oder arm unterschieden wird. Bitte verzeih mir, dass ich nie gelernt habe, dich zu lieben, zu achten und zu Pflegen. Dass ich dir so oft die Schuld an Dingen gegeben habe, für die du gar nichts konntest. Dass ich dachte, du wärst es, der mir im Weg steht, dabei war ich es selbst. Ich könnte noch ewig so weiter schreiben und Sachen aufzählen, die falsch gelaufen sind, aber ich merke gerade, dass es mir eigentlich total egal ist, was war, welchen Schmerz ich gespürt habe und wer jetzt nun die Schuld daran hatte. Ich habe meinen Frieden gefunden und möchte nach vorne blicken. Deshalb möchte ich auch dir den Frieden anbieten, lieber Körper und ich hoffe du weiß jetzt, wie dankbar ich dir bin und nimmst meine Entschuldigungen an. Von heute an werde ich alles dafür tun, dass auch wir unser Happy End haben und glücklich bis ans Ende gemeinsam durchs Leben gehen. Ich möchte dich nicht mehr als einen Störfaktor oder ewige Baustelle sehen, ab jetzt gibt es uns nur noch als Einheit, denn
ich bin mit mir zufrieden und ich kann alles erreichen.